Ehrung

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Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung 125 Jahre Ludwig Pappenheim in Schmalkalden

Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung 125 Jahre Ludwig Pappenheim in Schmalkalden
 

12.07.2012 - Sehr geehrter Herr Prof. Goebel,
sehr geehrter Herr Kurt Pappenheim,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
herzlich willkommen zur Eröffnung der Ausstellung anlässlich des 125. Geburtstages Ludwig Pappenheims hier in der Heinrich-Heine-Bibliothek in Schmalkalden.
Gerne habe ich die Schirmherrschaft über diese Ausstellung übernommen und es ist mir eine große Ehre zu Ihnen reden zu dürfen.
Ich freue mich, dass Sie heute so zahlreich gekommen sind.

Ganz besonders möchte ich Frau Ute Simon, vom Schmalkaldener Stadt- und Kreisarchiv begrüßen, die diese Ausstellung mit Herrn König vom Stadtarchiv Eschwege konzipiert und auf die Beine gestellt hat.
Schon an dieser Stelle herzlichen Dank dafür.
Ich Grüße alle Gäste aus Eschwege, der Geburtsstadt Pappenheims, aus Schmalkalden und aus Neusustrum, der letzten Station auf seinem Leidensweg.
Mit dieser Ausstellung gedenken wir eines besonderen Mannes, der sein Leben lang für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie eingetreten ist. Seinen Kampf bezahlte er mit seinem Leben, als ihn die Nazis 1934 grausam ermordeten.
Ludwig Pappenheim wurde am 17. März 1887 in Eschwege in eine jüdischen Kaufmannsfamilie hineingeboren. Der Vater besaß dort ein Lebensmittelgeschäft.
Er absolvierte eine kaufmännischen Lehre in Hamburg und Köln.
Schon dort trat er, mit gerade 18 Jahren, in die SPD ein.
In seinem Nachlaß, der sich im Besitz Kurt Pappenheims hier in Schmalkalden befindet, gibt es noch ein Mitgliedsbuch für den "Sozialdemokratischen Verein für Köln" in den er am 1. Mai 1905 (was für ein Datum) eingetreten ist. Im Juli des gleichen Jahres wurde er auch Mitglied des "Arbeiter-Turnbundes" in Köln.
Aber es zog ihn zurück in die Heimat und er engagierte sich fortan hier politisch. In seinem Heimat- und Wahlkreis Eschwege -Witzenhausen - Schmalkalden entwickelte er vielfältige Aktivitäten.
Pappenheim muss ein hervorragender Rhetoriker gewesen sein. Anlässlich der Reichstagswahlen 1912 sprach er im Bürgersaal in Schmalkalden in Vertretung seines Freundes und Genossen Thöne. Es war eine erfolgreiche Veranstaltung und im Ergebnis dieser Wahlen zog Thöne als erster Sozialdemokrat aus diesem Wahlkreis in den Reichstag ein.
Gegen seine pazifistische Überzeugung wurde Ludwig Pappenheim in den ersten Weltkrieg - an die Ostfront - einberufen.
Trotz der verliehenen Tapferkeitsmedaille, wurde ihm danach ein zweifelhaftes Kriegsgerichtsverfahren angehängt und er wurde inhaftiert.
Während der Novemberrevolution war Pappenheim erst in Eschwege und dann in Schmalkalden aktiv. Damals war er kurzzeitig Mitglied der USPD.
Als 1919 über Schmalkalden der Belagerungszustand verhängt wurde, verhaftete man Pappenheim wegen angeblichem Landfriedensbruch und sperrte ihn im Zuchthaus Kassel-Wehlheiden ein.
Diese Verhaftung "durch einen Gewaltstreich des damaligen Landrats Schubert von den Noske-Soldaten" durchgeführt rief, wie Hugo Wenzel schreibt, "unter der Arbeiterschaft große Empörung hervor".
Er war beliebt bei den sogenannten "einfachen Leuten", wegen seiner "vorbildlichen sozialen Haltung, seinem Temperament und seinem Engagement", wie berichtet wird.
Die große Leidenschaft Ludwig Pappenheims war das Schreiben. Mit seinem Erbe gründete er 1919 mit Genossinnen und Genossen die Parteizeitung „Die Volksstimme“, deren Chefredakteur er wurde.
Pappenheim war offenbar schon ab 1925 Mitglied im Kreisausschuss Schmalkalden.
Ab 1929 unbesoldeter Beigeordneter des Schmalkalder Magistrats.
Er wirkte als Stadtrat, stellvertretender Landrat und war als Mitglied in mehreren städtischen Deputationen und Kommissionen tätig.
Als Abgeordneter hatte er seit 1920 ein Mandat im Provinzial-Landtag der Provinz Hessen-Nassau, da er in den Kommunallandtag des Regierungsbezirks Kassel gewählt war.
Dem Deutschen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold trat er schon früh bei.
In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er Kreisvorsitzender der SPD in Schmalkalden.
Am 24. März 1933 trat Hitlers Ermächtigungsgesetz in Kraft. Pappenheim wurde eines der ersten Opfer.
Am 25. März 1933 wurde Ludwig Pappenheim in Schmalkalden auf der Grundlage einer Verfügung des damaligen Landrates Hamann verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen ein Waffenlager zu verbergen. Für den Pazifisten Pappenheim eine "fadenscheinige" Anschuldigung.
Obwohl das Gericht den Haftbefehl, wegen Unbegründetheit, nicht aufrechterhielt, wurde Pappenheim nicht aus der Haft entlassen. Stattdessen wurde er nun fortgesetzt in sogenannte Schutzhaft genommen.
Pappenheim schreibt an den Oberpräsidenten in Kassel:
„Ich erhebe bei Ihnen als vorgesetzte Behörde Einspruch. Ist dieser Staat so schwach, dass er, wenn jemand bedroht wird, diesen und nicht den Drohenden festsetzt?“
An den Regierungspräsidenten schreibt er:
„Scheinbar handelt der Landrat unter dem Einfluss einiger Leute, die durch Drohungen selbst die öffentliche Ruhe stören wollen.
Statt diese eventuell zur Rechenschaft zu ziehen, wie es in einem geordneten Staat geschehen müsste, sperrt er den Bedrohten ein. Dagegen wende ich mich.“
Ludwig Pappenheim prangerte in den Briefen nicht nur die Aufkündigung des demokratischen Rechtsstaates und die Entmachtung der Parlamente, sondern auch das bizarre Rechtsverständnis jenseits jeder Moral an.
Es gibt wohl wenige Zeugnisse solch standfester Haltung, in offiziellen Briefen formuliert, wie die Pappenheims.
Nocheinmal am 31. März 1933 wendet er sich an den Kasseler Regierungspräsidenten und beschwert sich über die Haft. Die Haftverschärfung gegen ihn führt er darauf zurück, dass er den Landeshauptmann in Hessen ersucht hat, ihm die Teilnahme an der Konstituierenden Sitzung des Kommunallandtages am 5. April 1933 zu ermöglichen. Für heutige Abgeordnete eine ganz absurde Vorstellung, dass ein Abgeordneter an seiner Tätigkeit gehindert wird.
Auch in diesem Schreiben an den Landeshauptmann wird Pappenheim deutlich, wenn er formuliert:
"dass scheinbar ehemals demokratische Beamte ihre politischen Minderwertigkeitskomplexe durch energisches Vorgehen gegen Sozialdemokraten abreagieren wollen."
Zunächst zu drei Monaten verurteilt, die er in Suhl absitzen mußte, freute sich Ludwig Pappenheim auf seine Freilassung und schmiedete mit seiner Frau Frieda, Pläne für die Zukunft.
Sogar die Zugabfahrt und welche Kleidung sie mitbringen sollte, hatte er ihr für den Tag der Entlassung mitgeteilt, denn sie wollte ihn abholen kommen.
Was für ein Schlag muß es gewesen sein, dass er nicht frei kam, sondern in's Polizeigefängnis nach Kassel verlegt wurde.
Ludwig Pappenheim war ein Mann dem seine Familie wichtig war.
Kurt Pappenheim hat mir bei unseren gelegentlichen Treffen immer wieder erzählt, wie sein Vater mit ihm und den Geschwistern am Rennsteig wanderte.
Ein Vater, der sich sehr für seine Kindern interessierte, der liebevoll war und sich kümmerte.
Wie muss es ihm zugesetzt haben von ihnen und seiner Frau getrennt zu sein.
Erahnen lässt sich das durch eine Zeile aus einem Brief vom August 1933 an seinen Onkel, der auch auf Ihrer Einladung abgedruckt ist:
"Was mich bedrückt, ist das Geschick der Familie,
für die zu sorgen ich gehindert bin."
Dabei gedenke ich auch der Ehefrau und Mutter und ihrem Leid in dieser schweren Zeit, und dem der Kinder.
Denn Ludwig Pappenheim blieb auch weiterhin inhaftiert und wurde im Juli 1933 ins Konzentrationslager Breitenau überführt.
Im Oktober 1933 verlegte man ihn ins Konzentrationslager Neusustrum, wo er am 4. Januar 1934 grausam ermordet wurde.
Mit großem Stolz blicken wir auf einen ganz besonderen Mann mit hohem moralischem Anspruch, der sich stets für die soziale Gerechtigkeit und freiheitliches Denken einsetzte.
Ludwig Pappenheim war ein Mann mit Grundsätzen, ein Intellektueller, der an hohe Ideale glaubte und denen er bis zum Ende treu geblieben ist.
Im Mai 2007, zur Eröffnung meines Bürgerbüros hier in Schmalkalden, überreichte mir Kurt Pappenheim ein Bild August Bebels aus dem Nachlass seines Vaters.
Dieses Bild hing jahrelang im Flur der damaligen Wohnung der Familie Pappenheim und wurde kurioser Weise von den Nazis nicht erkannt.
Nun hängt dieses Bild in meinem Büro in Schmalkalden. Ich bin nicht nur sehr stolz darauf, gerade, weil sich Pappenheim ja auch für die Gleichstellung der Frauen stark gemacht hat,
es erinnert mich tagtäglich an diesen großen Vertreter unserer Sozialdemokratie. Und es mahnt mich, mich gegen jede Form des Rechtsextremismus zu stemmen.
Das Andenken Ludwig Pappenheims mahnt uns alle.
Wir Demokraten müssen uns entschlossen gegen Rechtsextremismus und Gewalt stellen.
Wir müssen, bei allen politischen Unterschieden sonst, als Demokraten zusammenstehen, gegen die, die unsere Freiheit und unsere Demokratie bedrohen.
Das menschenverachtende Treiben von Rechtsextremen ist in unserer Zeit eine der größten Herausforderungen für alle Demokratinnen und Demokraten.
Ich gestehe es ganz offen ein, ich bin noch immer fassungslos und bestürzt und hatte es nicht für möglich gehalten, dass eine rechtsextreme Terrorzelle zehn Jahre mordend und raubend und unbehelligt von allen Sicherheitsbehörden durch Deutschland ziehen konnte.
13 Jahre lang konnten drei bekannte, gewaltbereite Neonazis untertauchen. Die Behörden verhedderten sich, arbeiteten gegeneinander oder konnten die losen Fäden bei der Fahndung nicht zusammenbinden.
Stattdessen wurden die Täter einseitig im Umfeld der Opfer oder in der organisierten Kriminalität gesucht.
Und nach dem Auffliegen der Zwickauer-Terrorzelle vernichtete das Bundesamt für Verfassungsschutz Akten.
Dies alles beschämt mich zutiefst.
Als Mitglied im Bundestags-Untersuchungsausschuss sage ich ganz klar:
Wir sind es den Opfern, ihren Angehörigen und uns selber schuldig die Vorgänge aufzuklären und die Sicherheitsarchitektur in diesem Lande so zu gestalten, dass so etwas nie wieder passieren kann. So, wie bei Verfassungsschutzämtern und Polizeien gearbeitet wurde, geht es nicht weiter.
Und als jemand, der sich seit Jahren für den Kampf gegen Rechtsextremismus hier in unserer Region engagiert, sage ich:
Wir brauchen das zivilgesellschaftlichen Engagement, die vielen Bürgerbündnisse und unsere Mobilen Beratungsteams (Mobit)
Wir brauchen keine "Demokratieerklärung" von diesen Projekten. Wir sollten alle mitmachen - das brauchen wir!
Wir müssen unsere Kinder stark machen, damit sie nicht anfällig für diese Gesinnung werden.
Diese Ausstellung wird dazu beitragen, da bin ich mir sicher.
Und ich wünsche dieser Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher und hoffe, dass viele Schüler mit ihren Lehrern darunter sind.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 
 
 
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