6. Thüringer Frauenpreis der SPD-Parlamentarierinnen vergeben

6. Thüringer Frauenpreis der SPD-Parlamentarierinnen vergeben

12.03.2012 - Am vergangenen Samstag wurde zum 6. Mal seit 1997 der Frauenpreis der Thüringer SPD-Parlamentarierinnen vergeben. Ausgezeichnet wurde die Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Eisenach, Frau Ulrike Quentel. Lesen Sie hier die Laudatio der SPD-Bundestagsabgeordneten Iris Gleicke auf die Preisträgerin.

"Zum ersten Mal haben sich 1997 Frauen, die für die Thüringer SPD in den kommunalen Parlamenten sitzen oder Landtags- bzw. Bundestagsabgeordnete sind, entschlossen, Geld zusammenzulegen, um einen Frauenpreis zu verleihen.

Heute tun wir das zum 6. Mal.

Dieser SPD-Parlamentarierinnenpreis ist, wie schon die fünf vorher, "Von Frauen für Frauen" gewidmet.

Frauen leisten in unserer Gesellschaft nach wie vor einen größeren Teil ehrenamt-licher Arbeit. Wir Parlamentarierinnen wissen um die Doppelt- und Dreifachbelastung der Frauen.

Frauen gehen ihrer Arbeit nach, oft in schlecht entlohnten Branchen. Und dort, wo das Einkommensniveau gut ist, verdienen - nein, bekommen sie fast ein Viertel (21,6% ) weniger Lohn - als ihre männlichen Kollegen.

Deutschland ist trauriges Schlusslicht im europäischen Vergleich.

Frauen tragen häufig noch immer den größeren Anteil an der Familienarbeit. Das werden Paare auch nur gemeinsam miteinander ändern können.

Und, keine Sorge Ihr Männer, es bleibt dabei: Die Kinder kriegen wir!

Wir planen auch keine Gesetzesinitiative, um das zu ändern.

Frauen engagieren sich meistens ehrenamtlich in den sozialen Bereichen, um anderen zu helfen. Viele von ihnen werden dann verbal, liebevoll und mehr oder weniger charmant, als so eine Art "Muttertier" umarmt.

Von "Vatertieren" hören wir eher selten und die so Titulierten würden sich mit Sicherheit gegen diese sprachliche Umarmung wehren. Wennschon, dann reden wir über "Leithammel", auch nicht nett, aber doch wenigstens eine Führungsfunktion.

Das "Muttertier" jedenfalls findet den Begriff irgendwie doch treffend und er ist ja auch deutlich "netter" als "Karriereziege".

Das Erwachen kommt erst, wenn jemand - und das sind leider nicht nur Männer - bei der Entscheidung ob Frau-Muttertier, die sich um eine gut dotierte Stelle beworben hat, fragt: "Ja, kann DIE das?"

Dieser Tage haben wir über eine FrauenQuote in Aufsichtsräten und Vorständen von Unternehmen im Bundestag debattiert.

(2013 30% Aufsichtsrat, 20% Vorstand; 2015 40% beide)

Wir verklausulieren das sogar als Geschlechterquote. Nu, wenn's nützt.

Die Abwehrargumente, ob es "DIE" überhaupt gibt, die das könnte. Und dann noch so viele, nämlich 40%, kennen wir alle. Ich wundere mich nur, dass bei den 200 größten deutschen Unternehmen die Männerquote von 97% offensichtlich nicht dazu führt, dass da auch ein paar Luschen d'runter sind. Alles top-qualifizierte Männer. Ist doch tröstlich, dass wir von den besten der besten Männer in die größte Kriese der jüngeren Geschichte gestürzt wurden, oder?!

Und es gibt leider nicht nur Männer, die sich entblöden, dieses Argument in's Feld zu führen, obwohl wir heute die bestausgebildetsten Frauen in der Geschichte haben.

Nicht wirklich erstaunlich ist die Abwehrhaltung aus dem Lager der Kapitaleigner, es gibt ja auch da wenig Frauen. Vermutlich auch deshalb, weil frau als Friseurin, Kin­dergärtnerin oder Altenpflegerin nicht so viel Geld verdient, um ein riesiges Aktien-paket zu erwerben. Und "DIE", die viel Geld verdienen, setzen es eher ein in Projekte für benachteiligte Kinder, hilfebedürftige Alte, Kranke oder den Frauentreff.

Kennen Sie die Werbung, mit diesem glattgebügelten jungen Mann, der ohne Risiko mehr aus seinem Geld machen will? Gibt es solche Spots mit Frauen?

... Komisch, ge?

Frauenwerbespots gipfeln in der Aussage: "Frau führt ein erfolgreiches kleines
Familienunternehmen." Oh, wie zufrieden. Oh, wie nett. Botschaft: Keine Gefahr, Jungs. Und, das Muttertier blökt im Stall!

Da sehnt frau sich doch echt nach der Clementine zurück. Die hatte wenig mit der braven Hausfrau zu tun und arbeitete selbstbewusst und frech im Männerberuf - auch wenn es nur in der Werbung war.

Aber apropos Quote: Ich bin vor 21 Jahren das erste Mal in den Bundestag gewählt worden, über die Landesliste. Wie kam ich auf diese Liste? Weil es die FrauenQuote in der SPD gab und gibt. Damals kandidierte ich in einer Wahlkreiskonferenz gegen zwei Männer und verlor in der Stichwahl mit einer Stimme. Unterdessen bin ich lange dabei. Ich war Sprecherin für Ostdeutsche Bau-, Mieter- und Wohnungsfragen. Ich war Stellvertreterin des Fraktionsvorsitzenden Peter Struck und Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministers Manfred Stolpe und damit nicht etwa die
Leiterin seines Vorzimmers, was ja keine Schande wäre, sondern ich war seine Stellvertreterin. Hätte irgendjemand das vor 21 Jahren geahnt? Sicherlich nicht. Und ich am allerwenigsten. Aber ohne die Quote hätte ich gar nicht die Chance bekommen zu beweisen, was ich kann. Übrigens auch mir selber.

Und weil jede von uns solche Geschichten erzählen kann, und weil jede von uns die Erfahrung gemacht hat, ausgebremst zu werden, und weil wir zwar wissen, was wir und die anderen Frauen können, aber oft das eigene Zutrauen fehlt, das auch mit Vehemenz vorzutragen und unsere Positionen einzufordern, deshalb wissen wir, dass wir Frauen das nur gemeinsam verändern können, und DESHALB gibt es diesen Preis, gestiftet von sozialdemokratischen Parlamentarierinnen. Und deshalb wird er am Internationalen Frauentag, am 8. März, oder wie diesmal zwei Tage später verliehen.

Am Donnerstag haben wir den 101. Frauentag begangen. Die Frauen von damals, allen voran die Sozialistin Clara Zetkin, kämpften für das Frauenwahlrecht, gleiche Bildungsmöglichkeiten, gleiche Arbeitsmöglichkeiten und gleichen Lohn. Die Kampfziele haben sich in den 100 Jahren zum Teil geändert und kommen uns doch sehr vertraut vor.

Auch wenn Frauen seit 90 Jahren wählen dürfen, auch wenn sie selbstverständlich Unternehmen oder Flugzeuge lenken können, auch wenn sie seit den 50er Jahren ein eigenes Konto einrichten dürfen und auch wenn wir, - in der alten Bundesrepublik erst seit Ende der 70er Jahre - keine Erlaubnis unseres Ehemannes mehr vorlegen müssen, dass wir arbeiten dürfen - das Ziel "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ist heute genauso aktuell wie damals.

Wir sind noch nicht am Ende des Kampfes und noch lange nicht am Ende der Kraft. Aber wir sind manchmal ermattet, weil auch 100 Jahre noch nicht gereicht haben, um unsere berechtigten Forderungen durchzusetzen.

Und deshalb geht es bei diesem SPD-Parlamentarierinnenpreis um Anerkennung unserer Leistungen, um Aufmerksamkeit für unsere Themen und es geht um's Mutmachen. Es geht darum, dass wir uns unterhaken und aneinander aufrichten. "Schaut her, ihr Männer und Frauen, was wir alles können und was wir alles schaffen!" Alleine die eingereichten Vorschläge und Bewerbungen zeugen davon.

Die Unternehmerin, die sich in einer Männerdomäne erfolgreich durchsetzt.

Die Künstlerin, die Frauenthemen aufgreift und dabei auch Unternehmerin ist.

Die Autorin, die frauengeschichtliches aus ihrer Region aufarbeitet und so unsere Vorreiterinnen aus dem Dunkel an's Licht holt.

Die Sozialpädagogin, die Wohngebietsmanagerin, die AWO-Cheffin und, und, und ...

Sie alle hätten den Preis verdient. Jede Einzelne.

Die Jury gratuliert Ihnen allen am heutigen Tag. Wir waren beeindruckt von der Vielfalt und dem Engagement, das Sie alle leisten. Deshalb wollen wir "Danke" sagen für Ihre Arbeit.

Ohne Sie wäre unsere Gesellschaft ärmer. Sie haben Arbeitsplätze geschaffen. Sie erziehen Kinder und helfen die Gemeinschaft im Wohngebiet zusammenzuführen. Sie helfen uns mit den Erkenntnissen über unsere Vergangenheit die Zukunft zu gewinnen. Und Sie bringen uns bisweilen zum Lachen, sogar über uns selber. DANKE!

Dennoch durfte sich die Jury auf nur eine Preisträgerin einigen und das ist uns nicht ganz leicht gefallen. Wir haben uns entschieden eine Frau auszuzeichnen, die ganz besonders für den Kampf der Frauen um Anerkennung, das Durchhalten, für das Mutmachen und das Unterhaken der Frauen untereinander steht.

Wir verleihen den Frauenpreis der SPD-Parlamentarierinnen 2012 an Frau Ulrike Quentel aus Eisenach.

Frau Quentel ist im Hauptamt seit 1990 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt
Eisenach. Wir zeichnen sie aber heute nicht dafür aus, sondern für ihre vielfältigen ehrenamtlichen Aktivitäten. Als ich Frau Quentel am Telefon gesagt habe, dass sie den diesjährigen SPD-Frauenpreis bekommt, war ihr wichtig zu betonen, dass sie ihn auch stellvertretend für ihre vielen MitstreiterInnen annimmt.

Frau Quentel beschreibt sich selber als "frauenbewegt". Schon zu DDR-Zeiten war sie im Gesprächskreis "Frauen für den Frieden, Eisenach" aktiv. Damals war es die Angst der jungen Mutter vor der Aufrüstung in West und Ost mit nuklearen Pershing- und SS20-Raketen. Sie suchte nach gleichgesinnten Frauen.

Sie sagt, das habe sie auch für die anderen Frauenthemen sensibilisiert. Nicht erst mit der Wende erfuhr sie von Gewalt an Frauen, aber nun wurde das Thema nicht mehr nur unter den Teppich gekehrt. Nun ging es um den Aufbau öffentlicher Angebote für die Betroffenen. Folgerichtig war sie Mitgründerin eines Vereins, der das Frauenhaus in Eisenach aufgebaut hat und bis heute betreibt.

Frau Quentel arbeitet im Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt, auch aus der bitteren Erkenntnis heraus, wie schmerzlich, belastend und mühevoll es für Frauen ist, sich aus der Bindung an einen gewalttätigen Partner zu lösen. Und bei allen gesetzlichen Regelungen, mit denen wir in den letzten Jahren wichtige Schritte zur Verbesserung der Situation der Betroffenen gegangen sind, bedürfen sie doch der ganz konkreten Beratung, Betreuung und Begleitung vor Ort. Und sie brauchen vor allem Schutz.

Auch im Arbeitskreis "Frauen Eisenach" bringt Ulrike Quentel ihr Knoff-hoff mit ein. Mit verschiedenen Frauengruppen werden gemeinsame, gleichstellungspolitische Aktionen geplant und durchgeführt. Auch hier ist schon der Weg das Ziel. Sei es die Frauenwoche, wo jede Frauengruppe für eine Tages-Aktion verantwortlich ist, der Demokratische Frauenbund, wie die IG Metallfrauen, das Frauenzentrum und die Landfrauen, um nur Beispiele zu nennen. Frauen finden sich zusammen, knüpfen ein Netz und schauen über den eigenen Tellerrand, indem sie sich auf die Blickwinkel der anderen und deren vielleicht auch anderen Probleme einlassen. Da wird auch der Frauentag gemeinsam vorbereitet, der für Frau Quentel immer noch mehr ein Kampf- als ein Feiertag ist. Natürlich wird gefeiert. Aber es wird auch marschiert, mit Transparenten. So zum Frauentag 2011 während eines Stadtrundganges zu den Frauen-Orten in Eisenach. Und dabei rückt dann eben auch die schon 1910 in
Eisenach existierende Frauenrechtsschutzstelle in den Blick.

Frau Quentel macht Radio, 2x im Monat. Die Sendung im ehrenamtlichen Offenen Hörfunkkanal "Wartburg-Radio 96,5" heißt "Frauengold". Dabei stehen nicht nur frauenpolitische Themen, aber immer die weibliche Sicht im Vordergrund. Die
Themenvielfalt beeindruckt und wenn nun eine erste gemeinsame Sendung mit dem Frauenarbeitskreis entstanden ist, bin ich mir sicher, das wird nicht die Letzte ge-wesen sein.

Ihr jüngstes Projekt ist der Aufbau einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige. Auch hier tragen oft die Frauen die Hauptlast, aber wie bei anderen Themen stehen die Türen auch dieser Gruppe, für die zwar wenigeren, aber genauso betroffenen Männer offen. Logischerweise fließen die Erfahrungen aus dem Hauptamt bei den ehrenamtlichen Engagements von Ulrike Quentel mit ein. Deshalb nimmt sie als Mitglied im Bündnis gegen Rechtsextremismus auch das Thema Frauen und Mädchen in der rechtsextremen Szene in den Blick.

Nachdem, was ich über die Preisträgerin erzählt habe, wird niemand sich über das Lebens- und Arbeitsmotto von Ulrike Quentel wundern: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben besteh'n. ... "

Vielleicht antwortet sie auch deshalb auf die Frage nach ihrem schönsten Erlebnis: "Die Teilnahme an der Weltfrauenkonferenz in Peking." Und sie kommt in's Schwärmen. Auf abenteuerlichen Wegen als Touristin nach China gereist, schafften sie und ihre Begleiterinnen irgendwie eine Akkreditierung für das Forum der NGO's zu bekommen. Nachdem, was wir über Sie wissen und was ja nur einen Teil Ihres Wirkens war, würde es uns wohl eher wundern, wenn Sie es nicht geschafft hätten.

Und doch verspürt die umtriebige Frau Quentel an der einen oder anderen Stelle auch Ohnmacht. Ohne Macht zu sein in einer konkreten Situation zu helfen, das ist bitter, gerade, weil sie gewohnt ist alles hinzubekommen. Und auch da hilft nur der Austausch und das Gespräch mit anderen Mitstreiterinnen, denen es ja bisweilen ähnlich geht. Supervision wäre besser für die Mitarbeiterinnen, sagt sie mir, aber dafür ist kein Geld da. Ich finde das bedenkenswert.

Liebe Frau Quentel, Sie sind eine würdige Preisträgerin! Wir danken ihnen herzlich für Ihre Arbeit und wünschen Ihnen Gesundheit, Kraft und weiterhin viel Erfolg.
Natürlich wissen Sie, dass Ihr Motto -ein afrikanisches Sprichwort- noch zwei Zeilen hat. Der Gemeindekirchenrätin der ev.-luth. Kirche Eisenach darf ich diesen Schluss noch zitieren und Ihnen zueignen: "... Gottes Segen soll s(S)ie begleiten, wenn s(S)ie ihre Wege geh'n."

Herzlichen Glückwunsch!"

 
 
 
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